Weihnachtsoratorium Kantaten 1,4-6

Weihnachten ist das Fest der Traditionen, zum Beispiel den Besuch des Weihnachtsmarkes in der Adventzeit, der Gang zur Kirche am Heiligen Abend und so weiter bis hin zu unterschiedlichsten familiären Essensbräuchen. Seit mittlerweile über einem Jahrzehnt gibt es in Werl eine weitere besondere Tradition: Jedes Jahr wird am 23.12. in der Propsteikirche das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach aufgeführt – so natürlich auch in diesem Jahr.

„Dein Glanz all Finsternis verzehrt“

Traditionelle Aufführung des Weihnachtsoratoriums überzeugt vollumfänglich

Traditionell ist Weihnachten auch ein Fest des Lichtes: Glänzende Lichter sind überall ersichtlich: Straßen und Plätze, Häuser und Fenster, Bäume und Zäune werden mit Lichtern bestückt, selbst Fahrräder und Autos bekommen manchmal zusätzliche Lichter – ganz zu schweigen von dem Weihnachtsbaum, der in fast jeder Wohnung steht. Doch Weihnachten soll mehr sein als nur glänzende, äußere Fassade: Die Glanz (oder manchmal auch Zauber) der Weihnacht soll in die Herzen der Menschen kommen. Genau das erkannte Johann Sebastian Bach vor über 300 Jahre und schuf ein Werk, das viele Menschen in einzigartiger Weise bis heute anrührt: Das Weihnachtsoratorium.
Und genau an dieser Stelle setzt der Madrigalchor Werl mit seiner Aufführung an: Alle etwa 70 Sängerinnen und Sänger waren sichtbar und hörbar voller Elan, um diese berührende Musik den Werlern nahezubringen. Klare Textverständlichkeit bis in die letzten Reihen der Kirche, saubere Intonation, Ausgeglichenheit der einzelnen Stimmen und eine überaus deutliche Artikulation brachten der Musik einen außergewöhnlichen Glanz. Der Chor wechselte gekonnt seine musikalische Rolle: Zunächst hörte man die überschäumende Freude in dem berühmten ersten Satz „Jauchzet, frohlocket“ sehr klar und hell in all ihren Facetten, bevor der nächste Einsatz mit dem schlichten Choral „Wie soll ich dich empfangen“ die (immer noch aktuelle) Frage aufwirft, wie man sich eigentlich richtig auf Weihnachten vorbereiten soll. Hier agierte der Chor zurückgenommen und verhalten, dabei aber nicht minder präzise, um dann wieder am Ende der ersten Kantate die Freude über die Geburt Jesu musikalisch glänzend zum Klingen zu bringen („Auch mein herzliebes Jesulein“).
Und so konnten die Zuhörer das ganze Konzert erleben: Bei dem nächsten Satz „Fallt mit Danken“ war die elegante Geste der Verbeugung förmlich musikalisch nachvollziehbar, genauso wie das energische Zupacken beim Kampf gegen die Feinde in dem schwungvollen Satz „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ zur Eröffnung der sechsten Kantate. Hier zeigten der große Chor, was für eine Energie sie in die Musik bringen können: eine gewaltige Lautstärke an den Tuttistellen bei gleichzeitiger Leichtigkeit in den fugenartigen Teilen machte das Kämpfen gegen die Feinde musikalisch sichtbar. Hervorzuheben ist auch ein emotionaler Höhepunkt der anderen Art: Neben dem Kämpfen gegen die Feinde erreichen die drei Könige aus dem Morgenland die Krippe und huldigen dem neugeborenen König. Hier wechselte Bach die Perspektive von den Königen zu uns Menschen. Stellvertretend steht der Chor nun vor der Krippe und ist nahezu sprachlos. Wie leise und trotzdem präsent 70 Stimmen auf einmal sein können zeigte sich bei dem Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“. Spätestens an diesem Punkt war klar, dass der Chor nicht nur irgendwie die Musik singt, sondern jede ihm von Bach aufgetragene Rolle musikalisch überzeugend und stimmig interpretierte, sodass der Glanz der Musik den Zuhörern direkt in die Herzen ging – dies alles getragen von einem hervorragend eingestellten Orchester.

Apropos Orchester: Das Barockorchester „Musica antiqua Markiensis“ ist neben dem Chor ein fester Bestandteil des traditionellen Weihnachtsoratoriums. Und dass sie zu Recht immer dabei sind, zeigten sie in jeder Minute des knapp zweistündigen Konzerts. Von den lautesten Tuttistellen mit Trompeten und Pauken bis hin zu den leisesten Rezitativen bildete das Orchester eine Einheit, die niemals aufdringlich oder übertrieben wirkte. Der Chor wurde immer angemessen begleitet und unterstützt, nie nahm das Orchester so viel Klangraum ein, dass die Sängerinnen und Sänger übertönt wurden. Der Einsatz der historischen Instrumente aus der Barockzeit zeigte hier eine seiner Stärken. Die Instrumente glänzten durch ihre hellen Klangfarben und waren deutlich schlanker als ihre modernen Exemplare. Bei den vielen Soli und Duetten (Geigen, Flöte, Oboen, Hörner und Trompeten) in den verschiedenen Arien kamen einzelne Instrumentengruppen deutlich hervor, ohne sich selbst in den Vordergrund zu spielen.

Apropos Soli: Die vier Gesangssolisten glänzten mit ihren Stimmen außerordentlich hell: angefangen bei dem Tenor Thomas Iwe, der seinen umfangreichen Part als Evangelist und Ariensänger mit klarem Ton souverän meisterte. Für die Sopranistin Bettina Lecking aus Dortmund war es die erste Aufführung in der Werler Kirche. Direkt bei ihrem ersten Einsatz nahm sie mit ihrer Präsenz und ihrem starken Stimmausdruck die Zuhörer in den Bann. Den Altpart übernahm wieder Christiane Baumann, die durch ihren zurückhaltenden Ausdruck glänzte. Vor allem in der Arie „Schließe mein Herze“ ging sie eine zu Herzen gehende klangliche Verbindung mit der Sologeige ein. Souverän wie immer meisterte der Dortmunder Bassist Gerrit Miehlke seine Arien. Mit seiner kräftigen Stimme und seinem souveränen Ausdruck war es für ihn überhaupt kein Problem, in der Arie „Großer Herr und starker König“ gegen eine Trompete klanglich zu bestehen – eher im Gegenteil: Emile Meuffels aus Amsterdam an der Barocktrompete musste sich kräftig ins Zeug legen, um klanglich nicht unterzugehen.

In guter Tradition sangen sechs Sopranistinnen aus dem Chor die besonderen Choralzeilen in den Ariosostellen; ebenso wie Beate Jochade in der Arie „Flößt, mein Heiland“ mit Präzision und Ausdruck als Echosopran glänzte.

Apropos Traditionen: Es bleibt dem Chor, den Solisten und dem Orchester zu wünschen, dass diese Tradition der jährlichen Aufführung am 23.12. noch lange Zeit erhalten bleibt, um den besonderen klanglichen Glanz auch in Werl dauerhaft zu erhalten. Und es bleibt den Werlern zu wünschen, diesen Glanz auch jedes Jahr neu erleben zu dürfen, damit Weihnachten nicht nur blinkender Glanz der Lichter und Kerzen ist, sondern das Herz weihnachtlich glänzen möge. Dann treten auch solche Kleinigkeiten wie der Ausfall der Heizung in den Hintergrund.
Zuletzt gab es nach den stehenden Ovationen in guter Tradition noch einmal „Jauchzet, frohlocket“ als Zugabe.
Traditionen und musikalischer Glanz: eine tolle Kombination, die gut ist für Werl.

Text: Viktor Brettermeier
Fotos: Thomas Nitsche (Werler Anzeiger)